Reine Motive – wer hat sie? Wenn wir Meinungen äußern, Standpunkte vertreten und Stellung beziehen zu den verschiedensten Themen des Lebens, dann haben wir dabei immer bestimmte Motive. Nichts was wir denken, sagen oder tun ist neutral zu betrachten. Bei all dem können wir uns fragen: „Warum vertrete ich diese oder jene Meinung? Warum tue ich das was ich tue? Warum denke ich wie ich denke?“

Meiner Meinung nach ist dieses Hinterfragen der eigenen Motive sehr wichtig und sogar zwingend notwendig, wenn wir unser Leben bewußt leben wollen, wenn wir in unserer Persönlichkeit reifen und Christus nachfolgen wollen. Wenn ich mich auf das Hinterfragen meiner eigenen Motive einlasse und ehrlich zu mir selber werde, dann bin ich manchmal erstaunt und erschrocken zugleich, die Triebkräfte meines Denkens und Tuns zu erkennen (selten erkenne ich sie wirklich). Ich erlebe diesen Prozess streckenweise als unangenehm und zum Teil auch schmerzhaft. Und doch führt er mich dahin, mir selbst und anderen nichts mehr vormachen zu müssen. Ich werde des-ilusioniert und von mir ent-täuscht (Ilusionen werden aufgedeckt und meine Selbsttäuschung wird entlarvt). Wie gesagt, es klingt nicht unbedingt verlockend, diesen Weg zu gehen. Jedoch ist das der Weg, der nach vorne geht, hin zur Wahrhaftikgeit. (Es ist der steinige und schmale Weg)

Manchmal empfinden wir unsere Motive zu einer Entscheidung oder einer Haltung als ehrlich und rein. Wenn wir dann nach einer gewissen Zeit noch einmal gezwungen werden, über die gleiche Sache nachzudenken, stellen wir vielleicht fest, dass unsere Motive doch nicht so rein waren, wie wir anfangs dachten. Mir ging es letztens so. Darauf hin gab mir jemand den folgenden Text mit auf den Weg. Den ich an dieser Stelle als sehr hilfreich erlebe.

Ein Auszug aus dem Kapitel „Jesus und die Zärtlichkeit der Hure“ aus dem Buch von Klaus Berger „Jesus“:

Auch unsere Motive, zu Jesus Kontakte zu haben, dürften vieldeutig sein. Den reinen Glauben hat niemand, die reine Liebe wäre nicht von dieser Welt. Und das ist das tröstliche an dieser Geschichte: Jesus akzeptiert auch unsere „gemischten Gefühle“. Wenn wir nur nicht gegen Jesus sind – er greift schon auf, was da ist. Auch Glaube ist kein Werk. Vielmehr gilt: auf die Richtung kommt es an. Es genügt vielleicht schon, dass man sich unter dem Kreuz wohler und freier fühlt als anderswo. Das klingt oberflächlich und frech – aber vielleicht ist die Wahrnehmung von Freiheit und Geborgensein doch schon die ganze Wahrheit; sie betrifft nämlich das Herz. So wird auch unser im Großen und Ganzen egoistisches Lieben akzeptiert, wenn es Elemente der Sehnsucht bewahrt, wenn es durch nichts auf Erden zufrieden gestellt werden kann. Und das ist dann keine Leistung, sondern es verbindet sich mit Kindlichkeit und Staunenkönnen. Mehr braucht man nicht.

Wir haben vielleicht oft den Eindruck, oder es wurde uns so vermittelt, dass wir in Bezug auf Jesus reine Motive haben müssen, um ihm „richtig“ nachfolgen zu können. Ich denke, es ist gesünder davon auszugehen, dass wir unsere Motive nie bis ins Letzte analysieren werden können. Sie werden auch nie ganz rein sein. Und trotzdem sind wir bei Christus so angenommen wie wir sind, mit unseren unreinen Motiven. Und das selbst dann, wenn wir uns über diese Unreinheit noch nicht einmal im klaren sind.

Reine Motive – wer hat sie?
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