Foto1Gemeindeverständnis

Seit dem ich vor fast 3 1/2 Jahren aus meiner damaligen Gemeinde ausgetreten bin, beschäftige ich mich mit diesem Thema sehr intensiv. Eines ist und war mir immer klar; geistliches Wachstum und Leben im Glauben braucht eine Gemeinde. Eine Christusnachfolge ohne Gemeinde fuktioniert auf dauer nicht. Man mag eine zeitlang ohne Gemeinde existieren können, aber langfristig braucht jeder Christ, der wachsen will, eine Gemeinde! Eigentlich ist das nichts Neues. Die Bibel macht das im Neuen Testament, vor allem in den Briefen, an vielen Stellen deutlich. Aber was ist Gemeinde im biblischen Kontext? Was muss gegeben sein, damit eine Gruppe von Menschen Gemeinde bilden kann? Wie versteht Jesus Gemeinde?

Wenn man in einer Gemeinde lebt, sind diese Fragen eher zweit- oder drittrangig. Weil man ja integriert ist und alles richtig zu laufen scheint. Mich beschäftigen diese Fragen existentiell, da ich seit 3 Jahren in keiner Gemeinde mehr Mitglied bin. Am Anfang hat mir die Tatsache meines „Gemeinde-los-seins“ sehr zu schaffen gemacht. Im Nachhinein bin ich dankbar für diese Erfahrung, da ich mich zwangsläufig mit diesem Thema persönlich auseinandersetzen musste.

Was ist Gemeinde?

Wie definiert die Bibel nun Gemeinde? Ich glaube, dass bekommen wir leicht heraus, wenn wir uns die 2 grundlegensten Gebote anschauen, die Jesus seinen Nachfolgern (damals die 12 Jünger) mit auf den Weg gegeben hat. Das erste können wir in Matthäus 22, 34-40 nachlesen (nach der Neuen Genfer Übersetzung – NGÜ)

Die Pharisäer hatten gehört, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, und waren daraufhin ´zur Beratung` zusammengekommen. Nun versuchte einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, Jesus eine Falle zu stellen. Er fragte ihn: »Meister, welches ist das wichtigste Gebot im Gesetz?« Jesus antwortete: »›Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe und mit deinem ganzen Verstand!‹ Dies ist das größte und wichtigste Gebot. Ein zweites ist ebenso wichtig: ›Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!‹ Mit diesen beiden Geboten ist alles gesagt, was das Gesetz und die Propheten fordern.«

Wenn wir Christus nachfolgen wollen, ist die Liebe zu Gott und zu meinem Nächsten, dem Mitmenschen, das zentralste Gebot. Das 2. Gebot finden wir in Matthäus 28, 16-20 (NGÜ)

Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus für die Begegnung mit ihnen bestimmt hatte. Bei seinem Anblick warfen sie sich vor ihm nieder; allerdings hatten einige noch Zweifel. Jesus trat auf sie zu und sagte: »Mir ist alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben. Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und seid gewiss: Ich bin jeden Tag bei euch, bis zum Ende der Welt.«

Der Missionsbefehl, wie er auch genannt wird. Das sind die beiden grundlegenden Dinge, die Jesus seinen Jüngern mit auf den Weg gegeben hat. Nun müssen wir uns noch anschauen, wie die ersten Jünger das umgesetzt haben. Denn aus dieser Umsetzung entstand die erste Gemeinde. Dazu lesen wir noch in Apostelgeschichte 2, 42-46 (NGÜ)

Was das Leben der Christen prägte, waren die Lehre, in der die Apostel sie unterwiesen, ihr Zusammenhalt in gegenseitiger Liebe und Hilfsbereitschaft, das Mahl des Herrn und das Gebet. Jedermann ´in Jerusalem` war von einer tiefen Ehrfurcht vor Gott ergriffen, und durch die Apostel geschahen zahlreiche Wunder und viele außergewöhnliche Dinge. Alle, die ´an Jesus` glaubten, hielten fest zusammen und teilten alles miteinander, was sie besaßen. Sie verkauften sogar Grundstücke und sonstigen Besitz und verteilten den Erlös entsprechend den jeweiligen Bedürfnissen an alle, die in Not waren. Einmütig und mit großer Treue kamen sie Tag für Tag im Tempel zusammen. Außerdem trafen sie sich täglich in ihren Häusern, um miteinander zu essen und das Mahl des Herrn zu feiern, und ihre Zusammenkünfte waren von überschwänglicher Freude und aufrichtiger Herzlichkeit geprägt. Sie priesen Gott ´bei allem, was sie taten,` und standen beim ganzen Volk in hohem Ansehen. Und jeden Tag rettete der Herr weitere Menschen, sodass die Gemeinde immer größer wurde.

Damit wird für mich deutlich, dass die ersten Christen (die Jünger) das umsetzten, was Jesus ihnen geboten hatte. Wir sehen hier also die grundlegende Form von Gemeinde. Sie liebten Gott, liebten einander und machten zu Jüngern (Taufen). Alles passierte auf der Grundlage der Lehre der Apostel (die ersten Jünger Jesu).

Gemeinde oder Kirche heute

Wie sieht eine Gemeinde oder Kirche heute aus? Die meisten Gemeinden sind schon geprägt von diesen Dingen, die ich gerade beschrieben habe. Aber es kommt noch etwas hinzu. Es ist, als wenn über die 3 grundlegenden Säulen (Liebe zu Gott – Liebe zum Mitmenschen – Menschen zu Jüngern machen) noch eine Konstruktion darüber gebaut wurde. Alle offiziellen Kirchen und institutionalisierten Gemeinden haben ein Gebäude was verwaltet werden muss und Geld kostet. Sie haben einen Pfarrer oder Pastor, der bezahlt werden muss. Im freikirchlichen Bereich oft Leienprediger, die zwar nicht extra bezahlt werden, aber dennoch ein organisiertes System voraussetzen. Dazu kommen Programme wie Bibel-, Jugend-, Jungschar- und Kinderstunden. Gemeinderat, Ältestenrat, Gemeindeversammlungen, Hauskreise und extra Veranstaltungen, die in der Gemeinde geplant werden. All diese Termine laufen in bestimmten Abständen, also regelmäßig.

Gerade in kleineren Gemeinden können die umfangreichen Programme und Termine, die sich daraus ergeben, schnell zu eine hohen Zeitbelastung für den einzelnen führen. Oftmals engagieren sich auch nur einige Geschwister sehr. Diese tragen oft gleich für mehrere Ämter Verantwortung, was ihr zeitlichen Einsatz noch zusätzlich steigert. Man bedenke, dass jedes Gemeindeglied auch noch ein privates Umfeld mit Ehepartner, Familie und Freundeskreis hat, das Zeit in Anspruch nimmt. Der Freundeskreis ist meiner Erfahrung nach, der erste, der unter der gemeindlichen Terminflut leidet. Aber auch in Ehen kann das zu einem massiven Problem werden (bei mir war es so).

Meine Anfrage an dieses System

Wo bleibt in dieser Termin- und Programmflut die Zeit für persönliche Kontakte auserhalb der Gemeinde? Wo können hier normale Freundschaften zu Mitmenschen entstehen, die nicht in einen gemeindlichen Kontext eingebunden sind? Ich habe erlebt, dass man automatisch gezwungen ist, sich um die aufrichterhaltung der Programme und des Systems zu drehen, als sich Gedanken um außergemeindliche Freundschaften zu machen.Welche Chance besteht hier für Jesu Gebot, in die Welt hinaus zu gehen um Jünger zu machen? Natürlich, wenn Menschen den Weg in die Gemeinde finden, dann kümmert man sich um sie (auch das habe ich erlebt, und das war gut). Aber im Warten darauf, besteht nicht unser Auftrag!

Klarstellung

Die letzten Punkte klingen sehr negativ. Du hast vielleicht den Eindruck, ich rechne ein Stück mit dem System „Gemeinde“ ab, aus dem ich komme. Da ist auch was dran. Aber ich schiebe keinem die Schuld dafür in die Schuhe. Und wenn ich das täte, dann bin ich mit einer der Schuldigen, weil ich es durch mein Engagement mit gestützt, ja sogar geleitet habe. Dieses „Gemeinde-System“ verselbstständigt sich (fast unbemerkt) irgendwann. An diesen ganzen Dingen, die ich beschrieben habe, ist nichts verwerfliches solange der einzelne auch die Möglichkeit hat, sein Christsein anders zu leben, als der Gemeindekontext es her gibt. Solange der eigentliche Auftrag nicht aus den Augen verloren wird. Solange der Inhalt und das Selbstverständnis der Gemeinde sich nicht auf das Gerüst stützt, das wir gebaut haben, sondern auf den Kern, den Jesus seinen Jüngern mitgegeben hat.

Mein neu gewonnenes Gemeindeverständnis

Gemeinde ist Gottes Prinzip für die Zeitepoche (Heilsepoche) in der wir leben. Ich merke selber, wie sehr ich Gemeinde / Gemeinschaft brauche, um Jesus nachfolgen zu können. Aber mir ist der kleine Kreis von Christen wichtig geworden. Der Hauskreis, in dem ich mich mit anderen Christen treffe und viel persönlicher werden kann. Der Hausgottesdienst, wo wir Gott loben, ihn anbeten, Abendmahl feiern und einfach Leben miteinander teilen. In diesen Hauskreisen und Hausgottesdiensten, also einer einfachen Gemeinde (ohne Überkonstruktion), werden Ideen und Visionen miteinander geteilt, wie wir nach Außen gehen können. Was ist dran, in unserem persönlichen Umfeld? Was können wir als kleine Gruppe von Christen tun, um Menschen mit Christus und dem Evangelium bekannt zu machen? Wie können wir Jesu Auftrag umsetzen?

Uns stört dabei kein festgeplanter Gottesdienstablauf, kein übervoller Terminkalender mit Gemeindeterminen, keine finanziellen Sorgen und kein Gebäude, das finanziert und unterhalten werden will. Wir haben durch unsere Einfachheit die Chance, uns auf das Eigentliche zu konzentrieren. Geb es Gott, das uns das letztlich auch gelingt!

Ziel für die institutionelle Gemeinde

Diese Gedanken sind nicht gegen existierende Gemeinden gerichtet. Sie sollen auch nicht dazu dienen, Menschen aus den Gemeinden heraus zu holen. Mit diesem Artikel verfolge ich nicht das Ziel eine Gegenbewegung zu den ansässigen Gemeinden ins Leben zu rufen. Ich möchte zum Nachdenken über dieses Thema anregen. Ich möchte herausfordern, darüber intensiv nachzudenken und den Gemeindekurs gegebenenfalls anzugleichen. Und es ist eine Auseinandersetzung mit meinem eigenen Weg. Ich liebe die Arbeit von ICF-München (um mal ein Gegenbeispiel zu nennen). Auch eine institutionelle Kirche mit vielen Programmen. Aber nach meinen Beobachtungen haben sie das eigentliche Ziel nie aus den Augen verloren. Aus den Hauskreisen, die das eigentliche geistliche Zentrum sind, gehen sie nach außen. Der Gottesdienst ist der Punkt, wo sie alle zusammen kommen, um Gott gemeinsam die Ehre zu geben. Im Focus ist bei allen Programmen und Aktivitäten aber der Gedanke, wie sie Menschen für Christus begeistern und gewinnen können. Das finde ich nicht nur genial, das ist der Auftrag von Gemeinde schlechthin. Nicht überall funktioniert das Prinzip von ICF (International Christian Fellowship). Gerade in den ländlichen Bereichen lässt sich das eher nicht umsetzen.

Es geht mir jetzt nicht um das kopieren von guten, funktionierenden Gemeindeformen. Aber vielleicht kann die ein oder andere Gemeinde von solchen Beispielen lernen. Oder einzelne (passende) Teile übernehmen. Vielleicht liegt auch gerade in unserer heutigen, schnellebigen und selbstbestimmten Zeit eine Chance in den kleinen und einfachen Gemeinden.

Über viel Feedback zu diesen Gedanken würde ich mich sehr freuen. Lasst uns über meine Ansichten streiten – nur so wird ein Prozess des Nachdenkens angeregt.

Nachtrag

Kleine christliche Gruppen, die sich in Hauskreisen und Hausgottesdiensten treffen, bilden Einfache Gemeinde. Gemeinde ohne Überkonstruktion. Dieses kleine Video passt wunderbar zum Thema und veranschaulicht meine Gedanken noch einmal sehr einfach.

Mein neu gewonnenes Gemeindeverständnis
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