710432_web_R_by_Annette Fischer_pixelio.deHast du mich lieb? „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.“ (Lk 15, 14) – dieser Satz lag mir seit einiger Zeit schwer im Magen. Vielleicht kennt ihr diesen Zweifel auch: Lieb ich Jesus wirklich? Wenn es so ist, würde ich doch tun können was er von mir verlangt…

Ich habe viele Jahre versucht es so zu halten, habe Dinge getan oder gelassen, von denen ich durch Gottes Wort wusste, dass sie richtig und falsch sind. Aber ich wurde an manchen Stellen immer frustrierter, fast schon verbittert, aber am meisten freudlos. In einem Gespräch wurde mir letztens gesagt: Jesus weiß wo du deine Schwachstellen hast, er weiß an welchen Punkten es für dich zu schwer ist, seinen Willen zu tun. Er liebt dich nicht nur, wenn du gehorsam bist. Wichtig ist deshalb nur, dass du seinen Willen tun willst und es, soweit du es aus Liebe zu ihm tun kannst, auch tust.

Für deine Schwachheit in verschiedenen Bereichen ist er freiwillig gestorben, als Geschenk an dich, damit du frei bist und du positiv motiviert zu ihm kommen kannst und nicht aus Furcht. Nun dachte ich an meine Beziehungen. Es gibt ein paar Punkte auf die ich sehr allergisch reagiere, zum Beispiel, wenn hinter meinem Rücken über mich geredet wird. Je nachdem wie ich zu diesem Menschen stehe, bin ich entweder enttäuscht (aber noch offen) oder derjenige ist „unten durch“. Hinter meiner Reaktion steht der Zweifel: mag der Mensch mich wirklich so, wie er es vorgibt oder ist es eigennützige Heuchelei? Wenn er SO an mir handelt, kann dieser Mensch mich nicht wirklich mögen…. Das Problem ist, dass ich diesen Gedanken auf meine Beziehung zu Jesus übertrage. Wenn ich Dinge tue, die unter Gottes Wertung falsch sind, dann liebe ich ihn vielleicht doch nicht, oder?

Zwei Punkte dazu:

  • Wenn ICH liebe, dann mit menschlicher Liebe – sie ist ein Gefühl, sie kommt und geht, ist von äußeren Faktoren abhängig.
  • Wenn Gott liebt, dann mit göttlicher Liebe – sie ist kein Gefühl, sie ist ein Zustand, ER selbst ist die Liebe.

Wenn ich zu Gott mit meinem Versagen komme, fragt er nicht: Liebst du mich wirklich (mit göttlicher Liebe)? Seine Liebe zu mir ist nicht abhängig von meiner menschlichen Liebe zu ihm, die so leicht zu erschüttern ist. Er liebt mich (Punkt). Jetzt kommt Euch bestimmt die Geschichte mit Petrus in den Sinn, der in Johannes 21, 15-17 von Jesus gefragt wird: „Hast du mich lieb?“ Jesus fragt ihn 3 Mal und wenn wir in den griechischen Urtext sehen, werden wir bemerken, dass Jesus von zwei unterschiedlichen Arten von Liebe spricht. Beim ersten Mal fragt er: „Hast du mich lieb- mit göttlicher Liebe (für „Liebe“ steht hier das griechische Wort „agapas“)- mehr als die anderen?“ Beim zweiten Mal fragt Jesus noch einmal: „Hast du mich lieb („agapas“)? Diesmal ohne den Zusatz „mehr als die anderen“. Erst beim dritten Mal fragt er Petrus, ob der ihn (nicht doch etwa „nur“) mit menschlicher Liebe liebt – die ihm wohlbemerkt seine Begrenztheit vor Augen führt aber auch die Freiheit einräumt, Fehler machen zu dürfen. Das erklärt auch warum Petrus am Ende traurig wird und vor sich selbst und Jesus eingesteht: „Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb (griech. „philo“- menschliche Liebe) habe. Petrus wird in diesem Bereich zum ersten Mal ehrlich und wird für seine Ehrlichkeit belohnt, denn Jesus vertraut ihm nach jeder seiner Antworten ein ganzes Stück mehr an: Vers 15: „Weide meine Lämmer!“- Vers 16: „Hüte meine Schafe!“- Vers 17: „Weide meine Schafe!“.

Wie oft leben und lieben wir über unsere Begrenztheit hinaus…? Dann leiden wir unter den Folgen, das Scheitern, der Scham. Wir denken, so können wir doch nicht zu IHM kommen. Ich habe doch behauptet, ich würde IHN lieben, aber mein Handeln sagt doch etwas ganz anderes – aber eigentlich will ich doch… Petrus konnte sein Versprechen aus Lukas 22, 33 nicht aus eigener Stärke halten – er scheiterte und litt unter der Scham des Verrats.

Aber weißt du, Gott sieht dein „ich will“ und er kennt auch deine Begrenztheit. Er kennt deine Stärken und deine Schwächen und er liebt dich mit Beidem – und zwar göttlich! Er nutzt auch deine Stärken, währenddessen du in anderen Bereichen grade schwach bist. Du bist nicht durch und durch „verdorben“ und unbrauchbar durch deine Schwächen. Und denke nicht, nur weil du sie selbst verleugnest oder sie nur für dich behältst, wären sie nicht real. Wer sie vor anderen (Vertrauenspersonen) bekennt, hat eine größere Chance, dass ihm auch geholfen wird. Das Evangelium kann nur der annehmen, der sich seiner Begrenztheit bewusst ist. Und wirklich frei sein, und aufblühen, kann nur der, der dieses Geschenk annimmt.

Diese Gedanken sind auch dann wichtig, wenn es um das Vergeben gegenüber Anderen geht. Henri Nouwen sagte einmal: „Vergeben bedeutet dem anderen zu erlauben nicht Gott sein zu müssen.“ Wenn ich von meinen Mitmenschen erwarte, dass sie mich mit göttlicher Liebe lieben, kann ich nur enttäuscht werden. Wenn ich allerdings dem Anderen zugestehe und glaube, dass er mich liebt, auch wenn er sich selbst in letzter Konsequenz mehr liebt und/oder gelegentlich Dinge tut, die seine Liebe nicht grade untermauern, wird das eine Wirkung auf meine Beziehungen haben. Wir sollten uns immer bewusst machen, dass es ein Geschenk ist, geliebt zu werden. Dann werden wir nachsichtiger (barmherziger?) und dankbarer.

Der Autor dieses, sehr nachdenkenswerten, Textes möchte nicht genannt werden.

Foto: © Annette Fischer  / pixelio.de

Hast du mich lieb?
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