Geburtstagsparty

Was hat Gott mit einer Geburtstagsparty für Prostituierte zu tun? Aus einem kleinen Buch von John Ortberg, „Abenteuer Leben – Gottes überströmende Liebe im Alltag entdecken“ habe ich folgende Geschichte, die mich sehr zum Nachdenken anregt.

Die folgende Geschichte stammt von Tony Campolo. Sie ereignete sich, als er Urlaub auf Hawaii machte.

Um drei Uhr morgens ging ich in ein Lokal. Die einzigen anderen Gäste waren ein paar Prostituierte, die für diesen Tag mit der Arbeit fertig waren. Eine von ihnen (Agnes) erwähnte, dass sie am nächsten Tag Geburtstag und noch nie in ihrem Leben eine richtige Geburtstagsparty erlebt hätte.

Als sie gegangen waren, erfuhr ich von Harry, dem Mann hinter der Theke, dass die Damen jeden Abend in dieses Lokal kamen. Ich fragte ihn, ob ich am nächsten Abend wiederkommen und eine Party schmeißen dürfte. Harry war einverstanden.

Um 2:30 Uhr am nächsten Morgen war ich wieder in dem Lokal. Ich hatte etwas Dekorationsmaterial aus Krepp-Papier gekauft und ein großes Schild mit der Aufschrift „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Agnes!“ gebastelt. Um 3:15 Uhr befanden sich sämtliche Prostituierten von Honolulu in diesem Lokal. Überall nur Nutten – und ich!

Um 3:30 Uhr öffnete sich die Tür, Agnes kam herein, und wir alle sangen „Happy Birthday“! Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der so überrascht war. Als wir mit dem Geburtstagsständchen fertig waren, waren Agnes Augen feucht. Und als der Kuchen hereingetragen wurde, fing sie hemmungslos an zu weinen.

Harry nuschelte barsch: „Blas die Kerzen aus, Agnes. Wir wollen alle ein Stück.“

„Harry, ist es okay, wenn ich den Kuchen noch ein bisschen behalte?“ „Natürlich. Wenn du ihn behalten willst, dann behalte ihn. Du kannst ihn mit nach Hause nehmen, wenn du willst.“

Sie trug den Kuchen hinaus, als ob es der Heilige Gral wär. Wir standen bewegungslos da; über dem ganzen Lokal lag ein betäubtes Schweigen. Weil ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte, brach ich das Schweigen schließlich mit der Frage: „Habt ihr was dagegen, wenn ich bete?“

Wenn ich heute auf diese Situation zurückschaue, erscheint es mehr als sonderbar, dass ein Soziologe um 3:30 Uhr morgens in einem lokal in Honolulu eine Gebetsversammlung von Prostituierten leitet. Aber damals hatte ich das Gefühl, genau das Richtige zu tun. Ich betete für Agnes. Ich bat Gott darum, dass sich ihr Leben verändern würde. Dass Gott gut zu ihr sein würde.

Als ich fertig war, lehnte sich Harry über den Tresen und sagte: „He, sie haben nie gesagt, dass sie Prediger sind. Zu was für einer Art Gemeinde gehören sie denn?“

Ich antwortete: „Ich gehöre zu einer Gemeinde, die um 3:30 Uhr morgens Geburtstagspartys für Nutten schmeißt.“ Harry wartete einen Augenblick, dann sagte er: „Nein, das stimmt nicht. Solche Gemeinden gibt es nicht. Solche Gemeinden gibt es nicht. Wenn es so eine Gemeinde geben würde, würde ich sofort beitreten.“

Würden wir das nicht alle? Würden wir nicht alle gerne zu einer Gemeinde gehören, die um 3:30 Uhr morgens eine Geburtstagsparty für Prostituierte feiert? Jesus kam, um so eine Gemeinde zu schaffen. Ich weiß nicht, woher wir diese andere Sorte von Gemeinde haben, die so sittsam und züchtig ist. Aber jeder der das Neue Testament ließt, weiß, dass Jesus sehr gerne die Ausgestoßenen, Missbrauchten und Unterdrückten mit Gnade überschüttete. Die Sünder liebten ihn, weil er mit ihnen feierte.

So sollte Kirche aussehen. Ein paar Lumpenpuppen, die Liebe empfangen haben, auch wenn sie wissen, dass sie diese Liebe nicht verdienen, und die diese Liebe dann an andere weitergeben, weil sie sich weigern, sich von ihrer Armseligkeit davon abhalten zu lassen. Denn Liebe ist Gottes Erkennungszeichen. Und Gnade macht die Liebe stark.

Gnade ist das Einzige, was die Kirche anzubieten hat, das die Welt nirgendwo sonst bekommen kann.

Diese spontane Aktion von Tony Campolo finde ich absolut mutig wie genial. Nicht jeder versteht es, eine Situation so tiefgreifend wahrzunehmen und dann auch noch entsprechend zu handeln. Mich beeindruckt das. Was Ortberg dazu schreibt, ist genau mein Empfinden, nach dem lesen dieser Geschichte. Was wäre, wenn Gemeinde so unkonventionell laufen würde, wie hier beschrieben? Das würde sich sehr schnell rumsprechen. Und es würden Menschen auf die Liebe Gottes aufmerksam werden, die nie gedacht hätten, dass Gott für sie etwas übrig hat. Es wär eigentlich nichts anderes, als uns Jesus vorgelebt hat.

Warum haben nur so viele Menschen von Christen den Eindruck, dass sie was Besseres sind? Weil wir das wahrscheinlich oft ausstrahlen. Obwohl wir immer das Gegenteil behaupten würden. Wenn wir tief im Herzen verstehen würden, dass Gott keinen  Unterschied zwischen Prostitution und Heuchelei macht, dass Stolz eine genau so „schwere“ Sünde wie Ehebruch ist, dann würden wir vielleicht weniger auf die anderen Menschen um uns herum herabschauen. Sondern uns eher auf der gleichen Stufe einordnen. Und diese Haltung würde bemerkt werden.

 

Artikel, die zu diesem Beitrag passen:

Foto: © brunkfordbraun / flickr.com

 

Eine Geburtstagsparty für Prostituierte
Markiert in:             

2 Gedanken zu „Eine Geburtstagsparty für Prostituierte

  • 29. September 2012 um 19:42
    Permalink

    Dieser Beitrag hat mir auch Tränen der Rührung in die Augen getrieben.Ich finde auch Prostituierte sind „Menschen“ und sie werden auch von Gott geliebt.Kein Außenstehender kann sagen warum sie ihren Job machen,(aber ich persönlich sagen mir,gut dass es diese Frauen gibt,sonst wäre die Quote der Vergewaltigungen wesentlich höher)und sie deswegen verurteilen.Wer andere verurteilen will soll sich mal vor einen Spiegel stellen und sein Gegenüber fragen,hast du heute alles richtig gemacht?Wenn dann ein „ehrliches“ JA kommen kann,was ich nicht glaube,kann man auch über andere Menschen Urteilen.
    Ich wünsche euch allen ganz viel Jesuspower und eine schöne Zeit mit unserem Retter und Beschützer,JesusChristus!

    Antworten
  • 26. September 2012 um 11:50
    Permalink

    Bin tief ergriffen. Ja, das ist die Gemeinde die JESUS aufbauen will. ER möchte Menschen in Sein Reich hineingeliebt haben und keinen Exklusive Club voller religiöser Puppen.
    Stehen wir auf und dienen als Jünger unserem Erretter und Herrn.

    Antworten

Kommentar verfassen