Menschen denken gerne in drinnen und draußen- Kategorien. Dieser gehört zu uns, jener aber nicht. Der ist einer von uns, aber der dort nicht. Jede Gruppe, jede Clique, jeder Verein, funktioniert letztlich so. In diesen Kategorien zu denken verschafft denen, die drinnen sind eine gewisse Exklusivität. Man grenzt sich  durch verschiedene Sichtweisen oder Verhaltensmuster ab . Auch wir Christen grenzen uns ab, denken in diesen Kategorien. Bis zu einem bestimmten Punkt ist das auch sicherlich normal. Schwierig wird es, wenn dieses Denken spürbare Auswirkungen auf die Beziehungen zu unseren Mitmenschen hat: Der gehört zu unserer Gemeinde, aber du nicht. Wir folgen Christus und sind drinnen, die anderen sind Sünder und leben draußen (in der Welt). Die anderen benötigen Verwandlung und Heilung, wir sind ja schon verwandelt und geheiligt. Wir sind eben drinnen, die anderen draußen.

Jesus hat nie so gedacht. Und wenn, dann hat er sich immer zu denen, die draußen waren, gezählt. Er starb draußen vor den Toren der Stadt einen Verbrechertod. Wie sich unser drinnen/draußen- Denken an der Stelle auswirkt, möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen.

„“Dein Glaube hat dir geholfen“ (z.B. Mark 5,34) Jesus fragt nicht danach, ob ein Mensch, der nach Heilung verlangt, getauft ist oder konfirmiert, zu welcher Kirche er gehört, ob er den Geboten gehorcht oder ob er dem Bischof eine Spende in Aussicht gestellt hat. Nein, Jesus sieht einzig und allein ins Herz des Menschen. In keiner einzigen der Heilungsgeschichten fragt Jesus danach, ob der Kranke würdig ist. Um Würde geht es auch überhaupt nicht. Wichtig ist allein das Verlangen des Heilungswilligen. Fast immer sind es die Sünder, die dieses Verlangen verspüren. Die Rechtschaffenden, die jeden Sonntag brav zur Kirche gehen, haben dieses Verlangen nicht. Sie wollen nur in ihrer dogmatischen oder moralischen Überlegenheit bestärkt werden. Sie wollen hören, dass ihre Kirche im Recht ist und ihr Glaube in den Himmel führt. Doch diese Denkweise ist die reinste Zeitverschwendung, sie vergeudet menschliche Kraft und Stärke und göttliche Macht.“

der Franziskanerpater Richard Rohr in dem Buch: „Nur wer absteigt, kommt auch an: die radikale Botschaft der Bibel“

Die Frage ist, ob die unterschiedlichen Heilungsgeschichten, die uns in den Evangelien berichtet werden, uns nur um ihrer selbst willen beschrieben sind. Geht es „nur“ um die Heilung eines Blinden, oder Gelähmten? Was, wenn die Heilungen, die damals tatsächlich passiert sind, uns nicht nur die Tatsache vor Augen führen sollen, dass Jesus die Macht dazu hat. Was, wenn die geistliche Botschaft, die hinter den Heilungen steckt, viel tiefer, in unser persönliches Leben hinein greift?

Vielleicht sind wir ja alle blind, in Bezug auf Gottes Realität in dieser Welt und unserem Leben. Vielleicht sind wir ja alle gelähmt, wenn es darum geht, ein Gott-gefälliges Leben zu führen – und ihm zu folgen. Vielleicht benötigen wir ja alle Heilung, egal ob wir nun körperlich blind oder gelähmt oder äußerlich gesund sind.

Die wahre Bedeutung dieser Heilungsgeschichten erkennen wir erst, wenn wir begreifen, dass wir selbst dieser Blinde oder dieser Lahme sind. Wir, die wir uns Christen nennen, haben nicht unbedingt den Eindruck, wir sind blind oder lahm, sodass wir an der Stelle auch keine Heilung benötigen. Wir kennen doch Jesus, wir kennen doch die Bibel, wir wissen doch wo´s lang geht, wir sind doch schon drinnen, oder? Gerade das, denke ich, ist unser Problem.

Wahre Veränderung und Verwandlung werden wir in unserem Leben erst erleben, wenn wir anerkennen, dass wir geistlich gesehen auch blind sind und Heilung benötigen, wie jeder andere Mensch auch. Das hätte zur Folge, dass wir uns mit allen Menschen auf die gleiche Stufe stellen würden, und nicht meinten, nur weil wir Jesus kennen, und ihm folgen, auf einer höheren Stufe zu stehen. Wir sind nicht drinnen, sondern auch draußen.

drinnen und draußen …
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4 Gedanken zu „drinnen und draußen …

  • 7. Juni 2011 um 21:49
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    es gibt aber noch eine andere „problemseite“ und zwar die menschen, die sich permanent als sünder bezeichnen und meinen, dass sie mit jeder neuen sünde, die sie begehen, jesus wieder ans kreuz nageln. solche leute sind wie blinde oder lahme und fürchten sich davor wieder blind und lahm zu werden, wenn sie einen fehler machen und deshalb bevorzugen sie das „sichere drinnen“…

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  • 26. Mai 2011 um 23:47
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    „In diesen Kategorien zu denken verschafft denen, die drinnen sind eine gewisse Exklusivität.“

    Ich denke das gibt uns Menschen auch eine gewisse Sicherheit und letztlich suchen wir uns unsere Freunde und soweit es durch uns beeinflussbar ist , auch die Menschen in unserem näherem Umfeld, nach dem Grad der Gemeinsamkeiten aus, weil man dort mit einer höheren Wahrscheinlichkeit rechnen kann, mit seinen Wertevorstellungen und „Eigenarten“ eher auf Toleranz zu stoßen. Vielleicht liegt der Ursprung unsere Unsicherheit, im Zweifel an Dem begründet, was von den Menschen in unserem Umfeld, als unsere feststehende Überzeugung wahrgenommen wird.

    „Wir folgen Christus und sind drinnen, die Anderen sind Sünder und leben draußen (in der Welt). Die anderen benötigen Verwandlung und Heilung, wir sind ja schon verwandelt und geheiligt.“
    – Ich erlebe häufig das Menschen mich in eine Rolle zwängen wollen und Vorstellungen haben, wie ein Christ zu sein hat. Also dieses Kategoriendenken wird nicht nur von Christen betrieben und es hat sich über Jahrhunderte bzw. Jahrtausende entwickelt. Da ich aber denke zu wissen, von welchem Problem du diesen Gedanken ableitest, würde ich sagen, dass viele Christen, die Vereinigung mit Jesus als eine Gleichstellung mit ihm interpretieren, soll heißen, wenn du die Person in Frage stellst, stellst du auch Gott in Frage. Vielleicht haben sie einfach vergessen, dass sie in ihrer „Fleischlichkeit“ trotzdem noch Fehler machen, die (Aus-)Wirkungen auf ihre Mitmenschen haben und (menschliche) Reaktionen hervorrufen. Hinzu kommt noch ein falsches Verständnis von Verantwortung für Andere und sicherlich auch nicht unbeteiligt, ist der Kleinglaube. Aber „setzen“ wir (die, die wir das verstanden haben) diese Menschen nicht auch „vor die Tür“- in ein anderes Draußen? Oder anders, sind die, die meinen drin zu sein, nicht eher draußen?

    „Jesus hat nie so gedacht. Und wenn, dann hat er sich immer zu denen, die draußen waren, gezählt.“
    -Jesus war sich Gottes Gegenwart sicher und er machte sich von der Gemeinschaft mit Anderen und dem gesellschaftlichen Gefüge nicht abhängig. Für ihn zählten nur: der Draht zu unserem Vater, sein Auftrag und die Liebe ZU den Menschen, die ihn antrieb. Aber hat sich Jesus zu seine Lebzeiten nicht auch eher denjenigen zugewandt, die ihn nicht in Frage gestellt haben( korrigieremich wenn ich falsch liege 🙂 )?

    „Was, wenn die geistliche Botschaft, die hinter den Heilungen steckt, viel tiefer, in unser persönliches Leben hinein greift? Vielleicht sind wir ja alle blind, in Bezug auf Gottes Realität in dieser Welt und unserem Leben. Vielleicht sind wir ja alle gelähmt, wenn es darum geht, ein Gott-gefälliges Leben zu führen – und ihm zu folgen.“
    -Ich liebe Gedanken die daraus entspringen, dass man mal seinen Blickwinkel ändert und sich fragt, was einem die beschriebene Situation selbst zu sagen versucht und was passiert, wenn man sich selbst an die Stelle der dargestellten Person setzt. Lohnt sich auf jeden Fall drüber nachzudenken!

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    • 27. Mai 2011 um 16:08
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      Danke, Sandra für Deinen ausführlichen Kommentar. Du hast natürlich Recht “dieses Kategoriendenken wird nicht nur von Christen betrieben”. Das erlebe ich ja auch. Nur ist es so: wenn dieses “drinnen- draußen- Denken” so tief im Denken einzelner Christen oder ganzer Gemeinden verankert ist, dann wirkt das nach außen absolut abstoßend. Und ich meine, so war Jesus nie. Er hat die Leute “draußen” eher angezogen als abgestoßen. Damit hat er automatisch aber auch die Leute, die sich für “drinnen” hielten abgeschreckt. Jesus war halt RADIKAL anders.

      Zu dem Thema: “korrigiere mich” – ich denke Jesus hat sich auch denen zugewandt, die ihn hinterfragten und ihn in Frage stellten (siehe Nikodemus, Judas, Thomas) Er konnte das, was uns so schwer fällt. Aber ich denke, er hat ins Herz der Leute geschaut, denen er sich offenbart hat.

      “Aber „setzen“ wir (die, die wir das verstanden haben) diese Menschen nicht auch „vor die Tür“- in ein anderes Draußen?” Nein – das denke ich nicht, weil: wenn man einmal (durch welche Ereignisse auch immer) tief im Herzen begriffen hat (nicht nur im Verstand), dass ich genau so ein Mensch (Sünder) bin wie alle anderen um mich herum auch, dann fall ich von meinem hohen Ross, auf dem ich vorher saß. Ich bin auch als Christ zu allem (auch schlechtem) fähig! Bis vor einigen Monaten dachte ich auch: ich weiß dass ich kein besserer Mensch bin, bin nur besser dran. Aber dieses besser dran sein, hat mich überheblich gemacht. Ich bin eben doch nich so schlecht wie die anderen, weil ich um Jesus und alles drum herum weiß und es zu leben versuche – diese Tatsache allein macht mich doch schon besser, oder? Und genau diese Überheblichkeit spüren die anderen. Jesus war nie so, obwohl er der Einzige wär, der von oben herab hätte reden und argumentieren können. Aber genau das Gegenteil hat er getan. Das ist wahrhaft GROß !!!

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      • 9. Juni 2011 um 13:39
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        Zitat“Aber „setzen“ wir (die, die wir das verstanden haben) diese Menschen nicht auch „vor die Tür“- in ein anderes Draußen?” Nein – das denke ich nicht, weil: wenn man einmal (durch welche Ereignisse auch immer) tief im Herzen begriffen hat (nicht nur im Verstand), dass ich genau so ein Mensch (Sünder) bin wie alle anderen um mich herum auch, dann fall ich von meinem hohen Ross, auf dem ich vorher saß.“ Zitat Ende
        Tobias, ich denke, Du hast nur umgesattelt, um bei diesem Bild zu bleiben:
        Von einem hohen Ross auf das Andere.
        Man sollte nie auf hohe Rösser steigen, weder auf das Eine, noch auf das Andere (-;

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