Ich finde es höchst interessant zu lesen, welche tiefen Gedanken einem Bonhöffer im Gefängnis, unter Todesangst durch den Kopf gegangen sind. Seine klaren Gedanken und Beobachtungen der religiösen Welt seiner Zeit, und sein Verhältnis dazu, faszinieren mich und regen zum nach- und weiterdenken an. Was hat sich seit damals im religiösen Lager verändert? Steht die christliche Kirche heute auch nur an den Grenzen menschlichen Versagens, menschlicher Schwäche, Schuld und Tod? Wo steht mein eigener Glaube? Habe ich (haben wir) gelernt, dass Kirche & Glauben Mitten im Leben – Mitten im Dorf, wo das Leben abläuft, stehen muss?

Oft frage ich mich, warum mich ein „christlicher Instinkt“ häufig mehr zu den Religionslosen als zu den Religiösen zieht, und zwar durchaus nicht in der Absicht der Missionierung, sondern ich möchte fast sagen „brüderlich“. Während ich mich den Religiösen gegenüber oft scheue, den Namen Gottes zu nennen – weil er mir hier irgendwie falsch zu klingen scheint und ich mir selbst etwas unehrlich vorkomme (besonders schlimm ist es, wenn die anderen in religiöser Terminologie zu reden anfangen, dann verstumme ich fast völlig, und es wird mir irgendwie schwül und unbehaglich) -, kann ich den Religionslosen gegenüber gelegentlich ganz ruhig und wie selbstverständlich Gott nennen. Die Religiösen sprechen von Gott, wenn menschliche Erkenntnis (manchmal schon aus Denkfaulheit) zu Ende ist oder wenn menschliche Kräfte versagen – es ist eigentlich immer der deus ex machina, den sie aufmarschieren lassen, entweder zur Scheinlösung unlösbarer Probleme oder als Kraft bei menschlichem Versagen, immer also in Ausnutzung menschlicher Schwäche bzw. an den menschlichen Grenzen; …

… ich möchte von Gott nicht an den Grenzen, sondern in der Mitte, nicht in den Schwächen, sondern in der Kraft, nicht also bei Tod und Schuld, sondern im Leben und im Guten des Menschen sprechen. An den Grenzen scheint es mir besser, zu schweigen und das Unlösbare ungelöst zu lassen. … Die Kirche steht nicht dort, wo das menschliche Vermögen versagt, an den Grenzen, sondern mitten im Dorf.

Dietrich Bonhöffer aus dem Buch: „Widerstand und Ergebung“

die Kirche mitten im Dorf …
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