Die nächtlichen Bootsfahrten, von denen das Markusevangelium berichtet (vgl. Mark.4,35), symbolisieren den Aufbruch zu einem neuen Ort. Wie oft überquert Jesus den See! Niemals geht es dabei nur um den Wechsel des geografischen Ortes, sondern immer auch um einen neuen inneren Ort, um einen neuen Standpunkt mit einer neuen Sicht. Jesus zeigt den Menschen, dass es mehr gibt als die jüdische Welt. Und was haben wir Christen in seiner Nachfolge getan? Wie lange haben wir uns in unseren eigenen Kirchen versteckt aus Angst, von den Menschen „angesteckt“ zu werden, die etwas anderes denken und glauben. Wir könnten die schreckliche Krankheit Häresie bekommen. Das Ein- und Aus- und Abgrenzen erinnert auf fatale Art an das Alte Testament, dessen Gesetzlichkeit Jesus so scharf verurteilt. Warum aber sind wir nicht seiner Kritik gefolgt, sondern setzen immer noch auf kleinliche Grenzstreitigkeiten?  Weil wir keine nächtlichen Bootsfahrten zu neuen Orten unternommen haben, wo unser Ego eine Zeitlang in die Dunkelheit geführt wird und Gott die Verantwortung übernehmen lassen muss. Verständlich, aber gewiss keine Nachfolge Jesu!

Richard Rohr in dem Buch „nur wer Absteigt kommt auch an: die radikale Botschaft der Bibel“

Noch vor nicht all zu langer Zeit habe auch ich mich nur mit Gedanken auseinandergesetzt, die ich eigentlich schon kannte und nicht neu für mich waren. Sie haben mein Denken bestätigt – mich gefestigt, sicher gemacht. Ich blieb nur auf der einen Seite des Sees. Jener Seite, die ich kannte. Mein nächtlicher Aufbruch auf die andere Seite geschah nicht freiwillig. Durch verschiedene Lebenssituationen war ich irgentwann gezwungen, mich mit anderen Sichtweisen des Glaubens auseinander zu setzen. Das führte tatsächlich erst einmal in die Dunkelheit. Weil nichts mehr Bekannt war, alles war neu und Unsicherheit machte sich breit.

Jetzt stehe ich auf einer anderen Seite des Sees, lerne ganz andere Sichtweisen kennen und bin fasziniert von manchen Gedanken, die mir vorher total verborgen waren. Mein Glauben und Leben haben sich verändert und verändern sich noch weiter. Menschen mit anderen geistlichen Standpunkten habe ich damals weniger ernst genommen, eher als nicht richtig wahrgenommen und eingeordnet. Mein damaliges Verhalten betrachte ich heute als geistlichen Hochmut. Diese Horinzonterweiterung, die ich nicht mehr missen will, geschah aber erst durch die Überfahrt auf die andere Seeseite. Diese Fahrt war tatsächlich in der Nacht, im Dunkeln. Und sie war turbulent, so wie die Jünger das mit Jesus damals auch des öfteren erlebt haben. Mein Leben und nicht zuletzt mein Glaube wurde dadurch aber erst dynamisch – lebendig.

Diese Gedanken, diese Erfahrungen sind auch der eigentliche Grund dieses Blog´s. Ich möchte Dich zu einer Entdeckungsreise der anderen Seeseiten einladen. Andere Standpunkte kennen zu lernen. Offen für andere, neue Gedanken zu sein. Der Gewinn, der darin liegt, birgt eine enorme Freiheit in sich. Und zur Freiheit hat uns Christus berufen! (Gal.5, 1-6)

die andere Seite des Sees…
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