Die folgende kleine Geschichte veranschaulicht auf sehr einfache Weise ein Verständnisproblem, welches wir als Christen im Umgang mit der Bibel leicht haben können. Richard Rohr beschäftigt sich in seinem Buch „Der nackte Gott“ unter anderem auch sehr intensiv mit diesem Thema und zeigt Wege auf, wie Christen aus einem Denken ausbrechen können, welches die Bibel nur als Selbstzweck missbraucht. Beim Lesen dieses Buches, und speziell dieses Abschnitts, habe ich gewisse Ähnlichkeiten zwischen dem Höhlenmenschen und mir selber feststellen können. Diese Tatsache läßt mich meinen eigenen Umgang mit der Bibel neu überdenken (zu diesem Punkt folgt in den nächsten Tagen die praktische Seite, d.h. wo muss ich umdenken?!)

Ich stelle mir einen Menschen vor, der vor langer Zeit in einer Höhle lebte. Seine Wohnung war immer dunkel. Eines Tages bemerkt der Mensch etwas Merkwürdiges an der Höhlenwand, was zuvor nicht dagewesen ist: einen kleinen Fleck, strahlend hell, nicht größer als ein Nadelkopf. Der Mensch nähert sich dem Punkt und starrt ihn bestürzt und schweigend an. Er hält seine Hand gegen die Öffnung und kann sehen, wie der Fleck die Umrisse seiner Finger beleuchtet. Er hört, wie sein Herz plötzlich zu rasen beginnt. Nervös kratzt er mit einem Stock an dem Loch herum. Kleine Steinbrocken rieseln heraus, der Schaft erweitert sich auf Daumengröße. Immer leichter wird dem Menschen ums Herz, Wärme durchflutet ihn. Er verdoppelt seine Anstrengungen, arbeitet an dem Loch mit allem, was ihm in die Hand kommt. Nach Stunden ist das Loch halb so groß wie sein Kopf. Der Mensch legt sein Werkzeug nieder, stellt sich auf die Zehenspitzen und schaut durch die Öffnung, die er herausgearbeitet hat. Mit weit aufgerissenem Mund sieht er die Herrlichkeit, die das fenster offenbart: einen unendlichen Glanz vor einem tief blauen Feld. Er sieht den Himmel und die Sonne. Staunen und Ehrfurcht ergreifen ihn. Der Mensch ist völlig verwandelt. Das Licht und das Fenster, das dies Licht offenbart hat, beherrscht fortan sein Leben. Mit Liebe und Sorgfalt bearbeitet er die Steinränder seines Fensters, bis sie zu einem gefälligen Rahmen werden. Aus einfachem Glas bastelt er eine Scheibe und paßt sie ein. Später erzählt er seinen Kindern immer wieder von jenem Tag, an dem ihm das Licht geschenkt wurde und von der Freude, die er damals gespürt hat. Sie nehmen das Glas in Augenschein, durch das das Licht fällt, verbessern es, stellen neue Fensterscheiben her, durch die das Licht noch ungebrochener scheinen kann. Und sie betrachten das Licht. Die Kinder erzählen später ihren eigenen Kindern, was sie gelernt haben. Wieder beschäftigen sie sich gemeinsam mit dem Glas und verfeinern es; wieder setzen sie neue Scheiben ein. Ihre Kinder erzählen es wiederum ihren Nachkommen und so weiter. Nch vielen Generationen haben die Nachfahren des Entdeckers das Fenster fast perfektioniert. Aber sie studieren weiter daran herum. Das Licht ist noch immer bei ihnen, aber sie sind zu sehr mit dem Fenster beschäftigt, um das zu bemerken.

Wie das Fenster für den Höhlenmenschen in unserer Geschichte, so sind die Worte der Bibel ein kostbares Geschenk für uns. So schön sie auch sind: ihr Wert liegt nicht so sehr in ihnen selbst als in jenem Ausblick auf unermeßliche Weiten, den sie eröffnen. Sie sind ein Fenster, Mittel zum Zweck. Manchmal habe ich den Eindruck, wir modernen Christen haben den Weg der Nachkommen des Höhlenmenschen eingeschlagen. Wir haben uns so sehr auf das Fenster fixiert – die Worte der Schrift -, daß wir oft den Blick für das klare Licht verloren haben, das dieses Fenster offenbart. Wir haben zu oft die Bibel zum Selbstzweck gemacht. tatsächlich ist die Bibel für glaubende Menschen ein großes Geschenk und eine Kraftquelle, wenn sie aus der richtigen Perspektive gesehen wird- als Mittel, als ein Teil des viel umfassenderen und fortdauernden göttlichen Plans, sich uns mitzuteilen. Die Bibel ist ein Geschenk, weil sie über sich selbst hinaus verweist auf eine persönliche Beziehung mit dem Vater.

… Die Bibel will einen persönlichen Dialog mit Gott anstoßen und fördern … Die Bibel kann ihr Ziel nur erreichen, wenn sie diejenigen herausfordert, inspiriert zusammenführt und versöhnt, die ihre Weisheit suchen. Wer diese Wahrheit mit Entschiedenheit ergreift und durch sie verändert wird, der kann mit der Bibel frei und angemessen umgehen. Alle anderen werden sie dazu mißbrauchen, ihren eigenen „religiösen“ Zwecken zu dienen.

Richard Rohr in: „Der nackte Gott“

Die Fortsetzung: „Die Stellung der Bibel“

der Höhlenmensch & das Licht
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