„Aufrichtige Unwissenheit ist durchaus nützlich, weil sie meist von Demut, Neugier und Aufgeschlossenheit begleitet wird; die Fähigkeit Schlagworte zu wiederholen, Phrasen zu dreschen und allgemein bekannte Thesen aufzuführen, erweckt den Anschein von Bildung und lackiert den Verstand, wodurch er gegenüber neuen Gedanken wasserfest wird.“

Zitat des Philosophen und Pädagogen John Dewey

Diese Aufrichtige Unwissenheit kann ich bei Nikodemus (Joh. 3, 1-21) erkennen, als er zu nächtlicher Stunde das Gespräch mit Jesus sucht. Die Art, wie er mit Jesus spricht. Die Fragen, die er stellt. Das alles verrät seine „vorsichtige“ Aufgeschlossenheit. Mich überrascht seine offene Haltung. Die meisten seiner pharisäischen Landsleute steckten so tief im religiösen System der damaligen Zeit fest, dass sie alles, was Jesus sagte oder tat, als Angriff und Gotteslästerung betrachteten. Für sie schien alles klar auf der Hand zu liegen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Und Jesus hat damals nicht nur „neue Gedanken“ gebracht. Er hat ein ganz neues Gottesbild vermittelt, er hat Beziehung zu Gott ganz neu, ganz anders vorgelebt. Das alles war zu viel, zu neu, zu revolutionär für die Vertreter des religiösen Systems der damaligen Zeit. Nikodemus hat den Mut nachzuhacken. Er fragt nach. Er setzt sich mit den Dingen auseinander, die er nicht versteht. Er hinterfragt sein eigenes, religiöses Denken. Und damit hat er sich nicht nur Freunde gemacht.

Was hat das nun mit uns zu tun? So wie Nikodemus tun auch wir gut daran, uns eine offene Haltung zu bewahren. Aufgeschlossen zu bleiben, auch Christen gegenüber, die ihren Glauben anders leben als wir. Tun wir das nicht, besteht die Gefahr, dass wir uns, wie die Pharisäer, in unserem eigenen Denk- und Glaubenssystem verrennen. In dieser Haltung werden wir Menschen in Schwierigkeiten auch nicht zur Hilfe werden können.

Verändern sich Lebenssituationen und Umstände, nimmt das Leben einen Umweg oder verläuft es nicht so, wie wir es uns gedacht und geplant haben, (Nebengedanke: interessanter Weise haben andere Menschen um uns herum oft ein genaues Bild, wie unser Leben verlaufen sollte) gibt es immer auch Menschen, die schnell wissen wo der Fehler liegt. Menschen, die wissen was jetzt genau zu tun ist, damit alles wieder ins Lot kommt. Noch eh man selber Fragen formulieren kann, kommen schon die Antworten und meist noch „Gute Ratschläge“ hinterher.

Auch und gerade im religiösen Umfeld begegnet mir das oft. Die Haltung dieser „Ratgeber“ ist nicht offen (selbst, wenn sie es gut meinen), und hilft weder dem Ratgeber noch seinem Gegenüber. An der Stelle möchte ich mehr „Aufrichtige Unwissenheit“ leben, weil ich erlebt habe, wie hilfreich die eine und wie kontraproduktiv die andere Haltung ist.

Aufrichtige Unwissenheit
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